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08.01.2012 21:36 by Vincent (comments: 0)

Neujahrstag

Aus meiner Bewerbung für die deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) nach der Vorgabe 'Schreiben Sie eine Kurzgeschichte zum Thema 'Neujahrstag' (max. 2 Seiten)'

Das Feuerwerk ist vorbei, nur hier und da knallt es noch. Ein paar Unruhestifter ziehen noch immer mit
Böllern um die Häuser. Irgendwo klingen Sirenen. Ein bisschen wie jedes Jahr.

Als er aufwacht, ist er allein. In seinen Ohren klingt noch dumpf der Bass der Nacht.
Er weiß, dass Anna weg ist und seine Welt kommt ihm so klein vor.

Seit er sich erinnern kann, ist Silvester nie etwas gewesen, auf das er sich gefreut hat. In dem kleinen
Dorf, in dem er aufgewachsen ist, war nach einer halben Stunde immer schon alles vorbei.
Wenn sich alle voller Vorfreude zurecht machen, merkt er nur immer, wie allein er ist.

Als er sich auf die Seite dreht, findet er auf dem Nachttisch den Zettel mit guten Vorsätzen fürs neue
Jahr. Fragmente einer besseren Welt. Neujahr ist kein Anfang für so was.

Irgendwo gehen noch Raketen hoch. Erstes Licht fällt ins Zimmer und draußen regnet es. Dieses Jahr
gab es nichtmal Schnee.

Mutter hat ihm Socken gestrickt und von Vater gab es Geld. Opa war nicht mehr dabei. Mit der Uni hat
das nicht geklappt, also wird er sich ein weiteres Jahr mit Nebenjobs über Wasser halten. Um Geld zu
sparen ist die Heizung aus.

In den Bergen soll es schneien. Die Züge fahren mit Verspätungen. Heute ist es auch richtig kalt.
Er sitzt im Park und friert.

Als er losging, wollte er rauskommen und nachdenken, um einen Sinn für sein Leben zu finden.
Jetzt sitzt er wie versteinert da und stellt sich vor, er würde einfach erfrieren.

Da kommt ein kleiner Vogel angehüpft. Unbekümmert pickt er Kuchenreste aus den Ritzen im Pflaster.
Von dem erfrorenen Menschen lässt er sich nicht stören.

‚Wie schön‘ denkt er. Schnee fällt jetzt leise auf die Dächer und irgendwo läuten Kirchenglocken.
Wind pfeift durch die Bäume und es ist bitter kalt, doch er fühlt Ruhe und Wärme. Immer noch hüpft der
Vogel von Bein zu Bein und pickt emsig herum. Weder die Kälte noch der Wind scheinen ihn zu stören
und er lebt eifrig in seiner kleinen heilen Welt vor sich hin. Jeder Bissen ist ein Geschenk und bedeutet ein bisschen mehr Leben.

Sollten Vögel nicht ihrem Instinkt folgen und in den Süden fliegen? Er fragt sich, ob dieser Vogel den
Winter überleben wird.

Deprimiert sieht er zu, wie dieser hinter einem Kieshaufen verschwindet. Er weiß nicht, ob er sich ärgert
über die Welt oder über sich selbst, weil er nichts tun kann.

Sein Telefon piept. Mutter schreibt: 'Komm nach Hause.'

Er muss an Anna denken.
Sie hat ihn geküsst und ist gegangen, um wo anders ein neues Leben anzufangen. Im Süden.

Jetzt klickt etwas in seinem Kopf. Sollte der Vogel ihm etwas zeigen? Vielleicht muss er jetzt einfach
weg. Hier oben ist doch nichts mehr für ihn übrig. Das Studium soll vielleicht einfach noch nicht sein.
Nebenjobs gibt es erstmal überall. Vielleicht ist jetzt die Zeit, das Leben in die Hand zu nehmen.

Er erhebt sich von der Bank, wie aus einem tiefen Traum, und öffnet die Augen für die Welt. Seine
Depression fällt wie ein dunkler Schleier von ihm ab und der Vogel fliegt verschreckt davon.

Als er zum Bahnhof rennt, ist er einfach froh. Heute wird er nicht nach Hause kommen.
Mama wird ihn für verrückt erklären, aber er fühlt sich so lebendig wie noch nie. Die Welt ist plötzlich
nicht mehr klein, sondern voller Möglichkeiten.

Das Feuerwerk ist lange vorbei, als er aus dem Zug steigt. Anna nimmt ihn in den Arm.
Während die Sonne untergeht, denkt er nicht an Arbeit oder an Geld.

Der Neujahrstag ist halt erstmal nur ein Anfang.

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